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Unser einziges Kriterium: HUNGER!
Eine freundliche junge Frau namens Elisabeth öffnet uns, der Religions-Gruppe vom Professor Reich, am Mittwoch, dem 14. April, gegen 16 Uhr die Eingangstür zum Caritas-Zentrum in der Römergasse. Man erklärt uns, wir seien seit knapp vier Jahren die erste Gruppe, die es schafft, pünktlich zum Treffen zu erscheinen.
Kaum, dass wir uns in einem großen Konferenzraum niedergelassen haben, erfolgt auch schon eine genaue Beschreibung der Tätigkeiten und Aufgabengebiete der hier agierenden Filiale der Caritas. Wie das lateinische Wort „caritas“ = Nächstenliebe schon aussagt, liegt das Hauptaugenmerk dieser Einrichtung auf der Soforthilfe akuter Notfälle mitsamt der darauffolgenden Präventionsmaßnahmen. Da diese Institution sich auf Jugendliche von 18 bis 30 Jahre spezialisiert hat, wird das „Du-Wort“ als selbstverständlich angesehen. Elisabeth ist eine JuCa-Betreuerin, dieser Begriff steht für Jugend-Caritas.
Das Haus wurde für junge, wohnungslose Jugendliche eingerichtet, wobei es an die 60 Wohneinheiten birgt, die Jugendlichen, die aus den verschiedensten Gründen hierher kommen, die Möglichkeit geben, sich ihren Bedürfnissen angepasst hier für maximal 2 Jahre niederzulassen. Probleme in der Schule, mit der Familie, Geld- oder Arbeitsmangel, Beziehungsprobleme, Schulden, Drogensucht,… die Liste der Beweggründe ist sehr vielfältig. Da es für eine Einzelperson alleine sehr schwierig ist, aus diesem Kreislauf auszubrechen, bietet man an dieser Anlaufstelle professionelle Hilfe von Sozialarbeiter/innen an, um diese Probleme möglichst effektiv zu lösen.
Die Anlage ist zu 90% für Männer vorgesehen, der Rest gebührt den Frauen. Diese Aufteilung erfolgt schlicht und einfach aus dem Grund, dass es viel mehr männliche wohnungsplatzsuchende Menschen gibt als weibliche.
Die vorgegeben Regeln müssen strikt eingehalten werden, sonst droht der Rauswurf. Man hält sich daran, Ausnahmen werden nicht gemacht, sonst würde das ganze System nicht funktionieren.
Für die, die sich ein kleines Taschengeld dazuverdienen wollen, gibt es die Möglichkeit, zu putzen oder in der dafür eigens eingerichteten Schuhwerkstatt mitzuarbeiten. Durch die hier produzierten Hausschlapfen können die Bewohner nicht nur Geld machen, sie lernen auch Pünktlichkeit und Verbindlichkeit. Der Lohn steht nicht im Vordergrund, viel wichtiger ist die Symbolik eines regelmäßigen Arbeitsablaufes sowie die damit verbunden Verantwortung.
Im JuCa sind auch der sogenannte „Canisibus“ und der "Francescobus" stationiert: Dabei geht es um eine Idee, die vor 25 Jahren in die Tat umgesetzt wurde, als das Problem der ansteigenden hungernden Wiener Bewohner richtig erkannt wurde. Diese bedürftigen Menschen haben zumeist keinen fixen Arbeitsplatz, demzufolge auch keinen Anspruch auf einen Wohnplatz. Da sie somit auch kein Geld für Nahrungsmittel haben, bietet ihnen der Canisibus durch tägliche Suppenausgaben die Möglichkeit, bei Kräften zu bleiben.
Jeden Abend, auch am Wochenende und an Feiertagen, sind der Canisi- und der Fancescobus, die beiden Essensbusse, in Wien unterwegs, zu 8 Stationen (Karlsplatz, Westbahnhof, Südbahnhof, Friedensbrücke, Floridsdorf, Schottentor, Philadelphiabrücke, Praterstern), um den Menschen eine heiße Suppe, Brot und Tee zu bringen. Für viele der täglich 150 bis 300 Gäste ist dies die einzige warme Mahlzeit am Tag. Die Suppe wird von den ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen täglich frisch gekocht, dann in die Busse verladen und direkt zu den Menschen gebracht.
Das Projekt Canisibus bedeutet Offenheit den Menschen gegenüber, die am Rand stehen. Es bedeutet Sicherheit: Die Busse kommen jeden Tag zur selben Zeit an den selben Ort. Die Gäste, die zu den Bussen kommen, können sich darauf verlassen. Und es bedeutet Begegnung: Die Teams sind für die Gäste da und gehen wertschätzend auf sie zu.
Tag für Tag, Montag bis Sonntag, 365 Tage im Jahr, ohne Ausnahme auch an Feiertagen, machen sich die zwei Busse auf den Weg und fahren zu ihren Stammkunden. Diese Routine ist enorm wichtig, um den Busgästen (diese Formulierung ist sehr wichtig) das Gefühl zu geben, nicht obdachlos oder Hilfe benötigend, sondern ein normaler Gast zu sein, und um einen gewissen Lebensrhythmus anbieten zu können. Innerhalb von einer halben Stunde haben die "Suppenverkoster" die Möglichkeit, bei einem netten Plausch in freundlichem Rahmen ihre abendliche Suppe einzunehmen.
Das Team, bestehend aus 65 Mitarbeiter/innen, unter ihnen alles zwischen Maturanten bis zu Frühpensionisten, kocht, in verschiedenen Gruppen eingeteilt, einmal die Woche ehrenamtlich dafür. Meist trifft man sich schon um 16 Uhr, und nach der gemeinsamen Einnahme der Suppe startet man gegen 19 Uhr mit der Tour. Drei bis vier Leute bilden meistens eine Gruppe, dieselben Gesichter sind für die Klienten wichtig.
Die Suppen - oder besser gesagt, die Eintöpfe - werden nach vegetarischen Maßstäben zubereitet, vor allem aus Hülsenfrüchten, da diese den meistens allen möglichen Wetterzuständen ausgesetzten Essern besonders viel Stärke und Kraft verleihen.
Bei der Suppenausgabe werden weder Fragen über die Herkunft, finanzielle Lage, noch über die Beweggründe zu diesem Schritt gefragt. Das einzige Kriterium ist der Hunger. An die 200 Liter Suppe und 30 kg Brot werden täglich verteilt. Das ganze wird zu hundert Prozent aus Spenden organisiert.
Wir sehen das Notquartier, ein kleines, spartanisches Zimmer mit zwei Stockbetten und mit Vorhangsschlössern versehenen Schränken ausgerüstet. Der Aufenthaltsraum wirkt sehr einladend, ein „Wutzltisch“ steht neben Regalen, die zum Lesen einladen.
Alles wirkt wie in einer großen Jugendherberge und mehr soll es ja auch nicht sein.
Es gibt sogar ein Saft-Beisl im Keller zum gemütlichen Zusammensitzen. Daneben ist auch schon die Küche, in der eifrig für den bevorstehenden Abend gekocht wird. Alle wirken glücklich, erfüllt von ihrer Arbeit, die Zusammenarbeit ist aufeinander abgestimmt und erfolgt ohne Probleme.
Jeder Mitarbeiter hat seinen eigenen, sehr persönlichen Grund hier mitzuhelfen, genauso wie jeder Gast. Auf dieser Grundlage funktioniert diese Beziehung.
Jasmin, 7A; Fotos: Mag. Heribert Reich u.a. |